Cybersicherheit BLOGInhouse-KI selbst betreiben: Was uns beim Aufbau von Balrog fast in den Wahnsinn getrieben hat

Mai 11, 2026

Eigene KI statt Cloud. Datensouveränität statt API-Abhängigkeit. Der Plan war klar, die Hardware beeindruckend, die Vorfreude groß. Wir haben uns einen Server hingestellt, der noch vor zwei Jahren als Supercomputer durchgegangen wäre – Threadripper, Blackwell GPU, 96 GB VRAM – alles zusammengebaut, alles konfiguriert, Modell geladen. Und dann? Stille. Schwarz. Aus. Kein Bluescreen, kein Log-Eintrag, kein Lebenszeichen. Nur ein Kippschalter am Netzteil, der irgendwie zum einzigen Startknopf geworden war. Lest weiter und profitiert von unseren Erfahrungen.

Warum wir keine Cloud wollen – und Balrog gebaut haben

Als Cybersecurity-Unternehmen arbeiten wir täglich mit Daten, die schlicht nicht über fremde API-Endpunkte wandern dürfen: Pentest-Befunde, Security Findings, interne Analysen. Was nicht in die Cloud geht, kann dort auch nicht abgegriffen werden. ChatGPT und Co. sind für uns keine Option.

Also: eigene KI, eigene Server, volle Kontrolle. Balrog ist unser internes LLM-System – AMD Threadripper 7960X, NVIDIA RTX PRO 6000 Blackwell mit 96 GB VRAM, 256 GB RAM. Hardware, die man noch vor zwei Jahren als Supercomputer bezeichnet hätte.

Das Symptom: GPU-Workstation stirbt ohne Vorwarnung

Die Workstation läuft. GPU-Temperatur stabil, Speicherauslastung normal, PCIe-Link auf Gen5 x16, LLM-Inferenz mit 262.144 Token Kontext läuft durch. Und dann – totale Stille. Kein Kernel Panic. Kein Bluescreen. Kein NVIDIA Xid-Fehler. Kein Log-Eintrag. Nada.

Der Power-Knopf vorne reagiert nicht mehr. Der einzige Weg, Balrog wieder zu starten, ist der Kippschalter am Netzteil hinten. Nur der. Kein anderer Weg.

Das Foto zeigt unseren Geschäftsführer Stefan Kraxberger mit Balrog - interne KI.

Die Fehlersuche: Alles negativ – und das ist der eigentliche Befund

In der Security kennt man das Prinzip: Die Abwesenheit von Beweisen ist selbst ein Beweis. Wenn alle Monitoring-Schichten gleichzeitig schweigen, liegt das Problem tiefer als Software.

Was wir geprüft haben:

  • Kernel-Logs (journalctl): Kein Panic, kein Watchdog-Timeout, kein Segfault
  • NVIDIA GPU-Diagnostik: Kein Xid-Fehler, keine Temperaturwarnung
  • pstore (Persistent Storage): Leer – kein Firmware-Level-Crash-Record
  • netconsole: Kein Output am Empfänger-Host
  • rasdaemon: Null MCE-Events, null PCIe-Fehler, null Speicherfehler
  • GPU-Telemetrie bis zur letzten Sekunde: Moderate Last, stabile Temperaturen, kein Power-Limit-Throttling

📌 Fazit: Alle Logging-Schichten haben gleichzeitig aufgehört zu schreiben – weil ihnen der Strom abgeschaltet wurde. Der Fehler liegt auf Hardware-Ebene, unterhalb jeder Software-Monitoring-Möglichkeit.

Der Täter: Multi-Rail OCP – das Netzteil schützt sich vor uns

Unser be quiet! Dark Power Pro 13 mit 1.600 Watt verteilt seine Leistung nicht über eine einzige Leitung, sondern über sechs unabhängige 12V-Rails. Jede Rail hat ihren eigenen Überstromschutz: OCP bei ~55 Ampere, also ~660 Watt pro Rail.

Das Problem in Zahlen: Die RTX PRO 6000 Blackwell zieht im Dauerbetrieb 600 Watt – das sind bereits 91 % des Per-Rail-Limits. Bei LLM-Inferenz erzeugen Attention-Layer und Matrixmultiplikationen explosive, kurzzeitige Lastspitzen. Tests an vergleichbaren Blackwell-GPUs (RTX 5090) haben transiente Spikes von 128–157 % des TDP gemessen – also 770 bis über 900 Watt für Mikrosekunden.

Das reicht, um die Per-Rail-OCP zu triggern. Und OCP latcht: Das Netzteil schaltet nicht kurz ab und wieder ein – es geht in einen dauerhaften Abschaltzustand. Aufheben lässt sich das nur durch vollständiges Trennen vom Netz.

Warum funktioniert der Power-Knopf dann nicht mehr? Wenn die OCP latcht, verliert das Mainboard die Standby-Spannung (5V_SB). Ohne 5V_SB kann es das PS_ON#-Signal nicht ans Netzteil senden – der Startknopf vorne ist physisch tot. Erst wenn der Kippschalter hinten die Kondensatoren entlädt, setzt sich die Verriegelung zurück.

Die Lösung: Overclocking Key (OCK) auf Single-Rail umschalten

Das be quiet! Dark Power Pro 13 hat einen physischen Schalter auf der Rückseite: den Overclocking Key (OCK). Im Auslieferungszustand: Multi-Rail-Modus. Einmal umgelegt: alle sechs 12V-Rails werden zu einer einzigen, massiven Rail zusammengeschlossen.

Modus OCP-Limit Ergebnis
Multi-Rail (Standard) ~660 W pro Rail GPU-Spikes triggern OCP → Latch-Off
Single-Rail (OCK aktiv) ~2.240 W (140 % Gesamt) Max. Systemlast ~1.440 W → kein Problem

Das Netzteil hatte nie zu wenig Gesamtleistung – 1.600 Watt Dauerlast, bis zu 3.200 Watt für transiente Spitzen. Das Problem war die künstliche Per-Rail-Limitierung. Ein Schalterflip, und Balrog läuft stabil.

So geht’s:

  1. System herunterfahren, Netzteil ausschalten
  2. OCK-Schalter von Multi-Rail auf Single-Rail umlegen
  3. Starten, LLM-Inferenz laufen lassen
  4. Keine Crashes mehr → Root Cause bestätigt ✓

Was man sonst noch im Blick haben sollte

  • GPU-VBIOS prüfen: Frühe RTX PRO 6000 Blackwell hatten fehlerhafte Firmware (Version 98.02.52.00.2). Prüfen via nvidia-smi --query-gpu=vbios_version --format=csv – bei betroffener Version: NVIDIA-Support kontaktieren.
  • PCIe Gen5 → Gen4 testen: Gen5 arbeitet an der Grenze der Signalintegrität. Ein Downgrade kostet 1–2 % GPU-Leistung, eliminiert aber PCIe-Fehler als mögliche Ursache.
  • BIOS-Einstellungen härten: Global C-States, ASPM und DF C-States deaktivieren. AMD empfiehlt das explizit für GPU-Workstation-Setups – diese Stromspar-Features können bei Hochlast-Workloads zu Instabilitäten führen.
  • Kill-A-Watt: Ein Leistungsmessgerät zwischen Steckdose und Netzteil schafft Klarheit. Fällt der Wert beim Crash abrupt auf 0 W, ist die OCP-Latch bestätigt.

Fazit: Wenn der Täter ein Schalter ist

Das Netzteil hat nicht versagt. Es hat exakt das getan, wofür es gebaut wurde – und dabei Balrog regelmäßig den Strom abgedreht. Die neue Generation KI-GPUs bringt Stromanforderungen mit, für die klassische Multi-Rail-Konfigurationen nicht ausgelegt sind. Wer lokale LLM-Inferenz auf High-End-Hardware betreibt, sollte das auf dem Schirm haben – bevor er Tage mit Software-Debugging verbringt, während die Ursache ein Schalter am Netzteil war.

Wenn ihr wissen wollt, wie es um eure externe Angriffsfläche steht – was Angreifer von außen über euer Unternehmen sehen – jetzt kostenlos prüfen lassen.

Quellen, die bei der Lösung geholfen haben:

  • Intel ATX 3.0 Multi Rail Power Supply Design Guide – Over-Current Protection Spezifikation: edc.intel.com
  • Tom’s Hardware – be quiet! Dark Power Pro 13 1300W PSU Review: tomshardware.com
  • NVIDIA Developer Forums – RTX PRO 6000 Blackwell: Recurring full chip reset during sustained LLM inference: forums.developer.nvidia.com
  • Level1Techs Forum – Threadripper 7000 / WRX90 / TRX50 System Build and Stability Issues Survey: forum.level1techs.com
  • AMD Instinct Documentation – Recommended BIOS Settings for GPU Workloads: instinct.docs.amd.com
  • be quiet! Dark Power Pro 13 1600W – Produktspezifikation: bequiet.com
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*Studie KPMG zur Cybersecurity in Österreich 2023